Das Genre des Kriegsfilms ist stets ein leidiges Thema. Das liegt vor allem an seinem cineastischen Anspruch, Identifikationsfiguren als ideologische Plattform zu gebrauchen, um den Schrecken des Konflikts im Bewusstsein des Publikums zu verankern. Nicht selten wird daraus eine Erzählung des nachgeholten Sieges aufgebaut und Reflexion durch Pathos gehemmt („American Sniper“). Im Trend ähnlich aktueller Bestandsaufnahmen vom Kampf der westlichen Welt gegen alle anderen stellt „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ auf dem Papier keine Ausnahme dar, obwohl er sich zumindest im Pathos bescheiden hält. Jedenfalls werden auch hier wahre Begebenheiten zur Haltung der Dringlichkeit stilisiert und aufrechte Amerikaner, sprich Familienväter mit Bärten und Muckis, in die Wirren einer fremdartigen Welt geführt, die sie fortwährend zu bewältigen haben – unabhängig davon, dass es zu Hause weit friedlicher wäre. Unter Regisseur Michael Bay ist zudem ein alles andere als subtiler Blickwinkel zu erwarten, so präsent Jingoismus und Misanthropie in seinem sonstigen Werk vorhanden sind.

Abermals sind seine Helden jedoch keine Männer der Politik – sondern sie blicken fassungslos auf die Inkompetenz ihrer Regierungsvertreter und leben einen Tatendrang aus, der sich zwischen Hormonen und Gerechtigkeitsgefühlen nicht zu schade ist, kernige Sprüche auszuteilen. Solche Pfundskerle verschlägt es also nach Libyen, wo kurz nach Gaddafis Entmachtung die Grauzonen, wer Freund und wer Feind ist, ziemlich undurchsichtig ausfallen. Ohne komplett zu pauschalisieren, geht Bay aufs Ganze, macht die geisterhafte Unruhe greifbar und zeichnet mit hitziger Kamera und im Bass siedender Musikgestaltung ein Land im Umbruch, von dem eine allgegenwärtige Gefahr ausgeht. Diese Darstellung befeuert konservative Urängste, obgleich es den amerikanischen Umgang der Gun Culture quasi 1:1 reflektiert. Doch zur Subversion bleibt Bay wenig Zeit – wie auch seine Charaktere eher auf ihre Einsätze fokussiert bleiben. Das heißt, wenn sie sich trotz der Lage nicht gerade ihren Trivialitäten hingeben oder Skype-Kontakt mit ihrer Familie halten.

Allen voran Jack Silva (John Krasinski) steht als emotionales Ventil an vorderster Stelle. Er präsentiert sich zu seinen Kollegen am wenigsten zynisch, ist stets besonnen und klar – im Endeffekt aber schablonenhaft wie jede andere Figur. Im Gegensatz zu Standardschlachtplatten wie „Act of Valor“ kommt jedoch Bays Hingabe zum Vorschein, jene Rollentypen so punktgenau empathisch, dumm und kompetent zugleich zeichnen zu können, so dass ihre Plotpoints sogar mit Wirkung eintreffen. Somit verlagert er waschechte Actionheroes in ein reales Krisengebiet, die ihren Verbündeten in der Bevölkerung zeigen, was sie drauf haben. Anstatt die latente Überheblichkeit jedoch in eine einseitige Schuss-und-Treffer-Euphorie münden zu lassen, beweist sich Bay erneut als Meister des Chaos. Nirgendwo passen Orientierungslosigkeit zwischen Funken, Kugeln und Explosionen, Verzweiflung und Adrenalinschub besser hinein, als in die urplötzliche Belagerung. Nachdem unsere kampfbereiten Mannen von der CIA nämlich auf die Befugnis von diplomatischer Seite warten und schließlich darauf pfeifen, wird ihnen (wie dem Zuschauer) der Horror der Ungewissheit im Kugelhagel gegenwärtig.

So wirft Bay den Zuschauer bewusst in den Reißwolf, von der audiovisuellen Intensität des Krieges überfordert, die in ihrer stetigen Eskalation kein Sicherheitsnetz bereithält. Allzu bezeichnend für das Genre und seine amerikanische Couleur steht dies im Angesicht zu meist gesichtslosen Angreifern. Die Faktoren der Anbiederung und manipulativen Emotionalisierung sind keine, die man nicht nur der politischen Korrektheit wegen einfach ausblenden kann. Ohnehin wird der Zuschauer erneut auf die Probe gestellt, wie die Schere zwischen Distanz und Involviertheit gemäß des filmisch umgesetzten Sujets anzusetzen ist. „13 Hours“ hat im Verlauf auch reichlich brutale Eindrücke parat, die der amerikanischen Mentalität einen Denkzettel verpassen und die Schuld nicht auf die Schultern eines Landes legen, sondern auf das forcierte Abwarten, sprich das Einhalten von Regularien. Ebenso entsteht ein Großteil der Eskalationen im Durchbrechen dieser Regularien – und gemessen an jener Ambivalenz bleibt letzten Endes auch keine Katharsis im Treffen eines gegenseitigen Friedenszeichens, sobald man einem zunächst als feindlich eingeschätzten Trupp begegnet. Entlastet verlässt man den Kinosaal hier nicht – erhellt vielleicht noch weniger. Die polarisierende Qualität Michael Bays bleibt ungebrochen. Sei sie auch vor allem seiner unvergleichbaren Ästhetik, Licht- und Farbdramaturgie, Kinetik und Sounddesign geschuldet, die durch ihre Konsequenz selbst die beliebigste Kriegsgeschichte zur feurigen Horrorshow mustert.

Meinungen

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