Dreißig Minuten mehr können einen Film durchaus verändern, muss man selbst einem Zack Snyder zugestehen. Als wir seinen „Batman v Superman: Dawn of Justice“ zum ersten Mal besprachen, war das kritische Echo vielerorts entschieden gegen das Delirium ambivalenter Helden, das in elliptischer Erzählform zur Albtraumvision eines Amerikas der Moderne avancierte. Weiterhin unangenehm und unangepasst, erlebt man das Duell der Comic-Ikonen in der erweiterten Heimkino-Variante aber in einer Balance, die ihre Hoffnung auf die Morgenröte der Gerechtigkeit zu motivieren versteht, indem sie das Herzstück um Superman (Henry Cavill) wiederherstellt. Die Additionen seiner Journalistentätigkeit zeigen dabei nicht nur den Willen, sich auf Augenhöhe mit seinen Mitmenschen zu treffen. Sie verinnerlichen auch die Integrität auf dem Weg zur Wahrheit, welche hier vonseiten der konspirativen Kräfte Lex Luthors (Jesse Eisenberg) auf jeden Schritt gehemmt wird, während der Diskurs um die Existenz Supermans in der Diplomatie der Demokratie sein stimmiges Gewicht erhält, obgleich der Konflikt aus dem Untergrund (mit dem Rechtsstaat als Opfer) gefördert wird. Intrigen und Fanatismen reiben sich entschiedener aneinander, entflammen in der offeneren Gewaltdarstellung der Ultimate Edition ihre reelle Intensität der Angst, die nicht nur den von unbedingter Güte getriebenen Kal-El angreift, sondern sich erst recht auf den ideologischen Widersacher Bruce Wayne alias Batman (Ben Affleck) überträgt, der die Furcht als Markenzeichen seiner Justiz einbrennt.

Das Trauma seinerseits gründet sich, wie vom Film eindringlich visualisiert, aus den Katastrophen des privaten wie kollektiven Verlusts, woraus die Kinofassung ein hohes Fieber des Egos destillierte, in das sich Wayne verlor. Die Langfassung jedoch öffnet das Gefühlsspektrum vermehrt abseits der jeweiligen Parteien, fokussiert kleine Momente der Öffentlichkeit im Angesicht der Verhältnisse, lässt diese sogar schon früh und grundlegend in der Trivialität des Footballs finden. Es ist vielleicht nicht die große Enthemmung, die sich der Kanon an Kritikern wie Fans wünscht, doch Snyder gelingt durch solche Einlagen zumindest ein umfassenderes Bild einer gespaltenen Nation, der in expandierten Szenarien Empathie zukommt, wo vormals die Rettung Lois Lanes (Amy Adams) eine Priorität ergab. Sie wiederum bekommt nochmals mehr zu tun, um die Unschuld ihres Retters und Freundes sowie sich selbst als investigatives Ass zu beweisen; gleichsam ergibt sie das Exempel für Supermans Bezug zur Menschheit, der ihm durch die Ungewissheit polarisierender Meinungen zeitweise abgerungen zu werden scheint. Klar ergeben sich seine Zweifel auch aus der Weisung zweier bereits verstorbener (Zieh-)Väter, die im Kontext des Hier und Jetzt nicht die Antwort auf Clarks Frage nach seinem Platz auf der Erde liefern können. Jene Aufgabe erfüllt hier Mütterlichkeit, Weiblichkeit (unter anderem vertreten durch Gal Gadots Wonder Woman) und Liebe; Werte, zu denen selbst Zyniker Batman zurückfindet.

Jener Wandel funktioniert noch immer eher impulsiv – doch dies bleibt bei Snyders Vision weiterhin etwas Besonderes und Seltsames entgegen anderweitiger Konsensware, wenn sich der mentale Horror Leinwand füllend ins Auge brennt („Sucker Punch“) und Effekte jenseits der Rationalität zum Exzess der Ängste ballen. Diese Entscheidungsphase geht aber ein Tag des Chaos, der ineinander und voneinander verwobenen Ereignisse voraus, an denen sich das Perfide im Geheimen ergötzt, die Präsenz von Göttern und Monstern in unserer Welt als Präzedenzfall des menschlichen Überlebens extremisiert wird, bei dem genau diese Menschlichkeit an ihre Grenzen getrieben wird. Missgunst, Wut und ein erheblicher Mangel an Vertrauen sind infolgedessen die Seiten, die wir unseren Idealen nach im Alltag ungern preisgeben wollen, doch inzwischen tagtäglich immer offener und verletztender eskalieren lassen, in giftigen Anschuldigungen, Kriegen und Wahlkämpfen ausleben. Dass Snyder und Koautor Chris Terrio zwar reißerisch, aber nicht gerade weltfremd an den jeweiligen Wunden und Selbstverständlichkeiten anecken, kreiert auf der wohl größtmöglichen Blockbuster-Bühne eine Zustandserfassung, wie sie sowohl in Aufwand als auch Streitbarkeit zuletzt höchstens in Michael Ciminos „Heaven’s Gate“ angetroffen und gleichsam verrissen wurde. Beide Werke lassen zudem nichts unversucht, ihre Vision in überlebensgroßen Bildern auszustellen, das Bewusstsein einer aus verzerrter Rechtmäßigkeit geplanten Tragödie zu schaffen und letztendlich die Lasten der Entscheidung daraus zu tragen, was sich im Nachhinein besser machen lässt. Sonst heißt es nämlich Every time we say goodbye, I die a little wie in Cole Porters Song.

Zumindest die Strecke dorthin bleibt stets ein aufregendes Minenfeld des theologischen Wahnsinns, ob man neutral handeln kann oder jede Handlung ein politisches Statement nach sich zieht. Aus diesen Umständen erreicht Lex Luthor voll Opulenz seine kosmischen Mutationen und übt sich gleichsam in Aufregung, wie sein Regisseur die Anziehungskraft von Blut und Kloppe, Regen und Feuer aus den Querelen irdischen Daseins fetischisiert. Der dämonische Doomsday ist da als King-Kong-Kugelblitz nur die Höhe des Absurden, aus der sich ein Widerspruch voller Faszination bildet, so wie die Welt von Kontrasten lebt. Das kann und soll nicht glatt laufen, auch wenn sich Snyder in seiner vollständigen Version nun weniger ungelenk in das Vergnügen des großen Ganzen nach Comic-Format hineinstürzt, noch immer nicht an Hässlichkeit und Verwirrung spart, sein mythologisches Anliegen jedoch deutlich energischer ausleben darf. Abgesehen davon macht er sich zudem jede einst ungefähre Katharsis verdient und kann daher aus seiner Melodramatik nunmehr echtes Tearjerking schöpfen, wenn sich die Nerds im Publikum denn für so etwas hergeben wollen. Hoffen wir also, dass die Zukunft Snyder mehr solcher Freiheiten lässt, diese von vornherein vollständig projiziert und vor allem nicht des Erfolges wegen zur Anbiederung zwingt.

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