Mit welch süßem Intro „Miss Bodyguard“ uns doch verwöhnt: Dort erleben wir die heranwachsende Rose Cooper (Reese Witherspoon) auf dem Rücksitz des Dienstwagens ihres Vaters, der sie als Polizist durch ein aufregendes Leben begleitet und nicht nur beruflich ihr Vorbild wird. Aus der enthusiastischen Rose wird aber eine kontrollsüchtige Politesse, die wie ein entmenschlichter Roboter ihre Statuten runter rattert und genauso pflichtbewusst die Oberhand in nie zusammenkommenden Beziehungen behält. Und schon spürt der Zuschauer eine Abkoppelung vom Charakter, der nun vielmehr eine klischeehafte Witzfigur mit übertrieben texanischem Akzent abgibt, als einen Ansatz von Empathie aufbringen zu können. Im Gegenteil: Trotz Roses Hingabe zum Beruf wird ihr Nachname stets mit einem peinlichen Ereignis in Verbindung gebracht, da sie einst einen alltäglichen Begriff („Shotgun!“) nicht kannte und diesen fälschlicherweise als Anlass zur Polizeigewalt aufnahm. Dies wird in einer beiläufigen Rückblende geschildert, die mit genau derselben Humor signalisierenden Retorten-Musik ausgestattet ist wie der Rest des Films.

„Miss Bodyguard“ ist sich hier also schon von Grund auf uneinig, wie er seine Charaktere zeichnen will. Und Regisseurin Anne Fletcher („Step Up“, „Unterwegs mit Mum“) scheint es ebenso gleichgültig, wie sie ihre austauschbare Gestaltung dafür einsetzt. Auf jeden Fall ist diese Komödie zu scheu, sich originelle oder wirksame Pointen auszudenken – stattdessen soll der Spaß an der Sache daher rühren, dass Rose die Aufpasserin für Daniella Riva (Sofía Vergara) spielt, welche als potenzielle Zeugin von der mexikanischen Mafia und anderen Schergen gejagt wird. Wenn man schon keine Sympathie für den überkorrekten Umgangston Coopers fern jedes humanen Verständnisses empfinden konnte, wird man am schrillen und bockigen Sarkasmus der Frau Riva wahrscheinlich genauso zerbrechen. Fakt ist, dass sich in dieser Paarung keinerlei Chemie oder Kontraste entwickeln können, da ihr Dialog zu einem permanenten vorwurfsvollen Geräusch verkommt, das auf der Flucht nie aus der Ruhe kommt und sich zudem allzu willig in beliebigen Situationskomiken verliert. Dabei spielt man sich immer irgendwie gegeneinander aus, hält aber dennoch zusammen, wenn man sich aus einer schwierigen Lage retten will.

Allerdings kennen die Drehbuchautoren David Feeney und John Quaintance Frauen offenbar nur oberflächlich; verlassen sich auf bloße Verweise der Menstruation und Waffen einer Frau, wie sie auch im kleingeistigen Rahmen eine fingierte lesbische Beziehung als Witz einsetzen und ohnehin keine Klischees aussparen. Die einzige Form eines Running Gags versuchen sie darin, dass die Flüchtigen immer empörter stöhnen, je älter und kleinwüchsiger sie von den Medien geschätzt werden. Dabei hat jenes Duo schon längst jede Würde verspielt: So werden sie unter anderem durch die unfreiwillige Einnahme von Koks noch anstrengender als sie ohnehin schon in ihrer provinziellen Verklemmtheit sind. Auf solch faulen Haudraufhumor folgt passenderweise eine Szene, in der sich die Beiden als Reh verkleiden, allerdings uneinig sind, welche Geräusche das Tier eigentlich macht. Die Intelligenz der Beiden variiert merklich im Verlauf des Films.

Kein Wunder, dass für diese Pflichterfüllung ältester Kamellen kein stimmiger Charakteraufbau von Nöten ist, weshalb Cooper ein aufdringlicher Love Interest zur Seite gestellt wird, der sie entgegen ihrer Figur mit spekulativen Macho-Süßigkeiten alle Hemmungen vergessen lässt – als ob sich der Film trotz aller sexueller Zweideutigkeiten im weiblichen Duo mit allen Kräften als „No Homo“ erklären müsse. „Miss Bodyguard“ ist so spießig, wie er keine Lust hat, mehr als den Standard zu wagen. Was helfen da noch passabel inszenierte Verfolgungsjagden, Konfrontationen mit Drogenbossen und inkonsequent eingestreute Subplots über Korruption, wenn einem als Zuschauer schon längst alles egal ist – allen voran die Protagonisten, mit denen man zusammen garantiert keine freie Minute verbringen möchte? Anne Fletchers Film ist wie jeder Zickenkrieg: zynisch, kindisch, frustrierend, auf dass nicht nur männliche Zuschauer schnell das Weite suchen wollen.

Meinungen

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