Nirgends kann es so sauber zugehen wie in der Welt von Marvel: Alle Puzzleteile aus mehreren Filmen finden in stets glänzenden Rüstungen ordnungsgemäß zusammen – und Legionen Fanboys freuen sich über peinlichst originalgetreu repräsentierte Comichelden und weit zurückreichende Insider-Referenzen. Bei Disney geht man kein Risiko ein, ja macht nicht einmal mehr einen Film, so sehr hier die Serien-Mentalität wirkt. Anthony und Joe Russo brauchen sich daher ebenso wenig um eine distinktive Regie kümmern, die Marvel-Magie erfüllt sich quasi von selbst und findet im Formalismus eben jenen Konsens, auf den die Massen vertrauen. Was bleibt also bei „The First Avenger: Civil War“, dem nunmehr dreizehnten (!) Film des Marvel Cinematic Universe, außer Ernüchterung? Nun, da gäbe es den zentralen, ideologischen Konflikt zwischen zwei Parteien, jeweils angeführt von Steve Captain America Rogers (Chris Evans, distanzierter denn je) und Tony Iron Man Stark (Robert Downey Jr.), wie neoliberal diese ganze Idee vom Superheldentum doch sei („Batman v Superman: Dawn of Justice“ nicht unähnlich).

Das demokratische Kollektiv hat seine Gegenargumente durchaus in der Hand, verkauft sich im Verlauf jedoch unter Wert oder lässt sich von Sketchen ablösen, während universelle Faktoren (Loyalität und Freundschaft) auf dem Spiel stehen. Gleichsam zeichnen die Russos Monarchen der Dritten Welt als aufrichtige Menschenrechtler (siehe Black Panther) und Regierungsvertreter des Westens als Hindernisse, blind gegenüber Verschwörungen. Alles beim Alten also im Rahmen des modernen Blockbusters. Doch macht es wenigstens Spaß, wie vom Großteil der Kritiker ohne Wenn und Aber verlangt? Jein. In Sachen Action läuft es ungefähr wie anno „Age of Ultron“: Die erste Sequenz voller Bösewichte, Explosionen und fantastischer Helden lässt sich noch kinetisch mit der Umgebung spielend erleben – je öfter der Plot jedoch auf dem Weg zu seiner Konklusion auf Schauwerte setzt, wird klar, dass die Regie nur die Dynamik des Gehetzten und keinerlei Sinnlichkeit kennt. Teilnahmslosigkeit stellt sich ein, ehe im Aufeinandertreffen der Superheldenteams immerhin ihre Fähigkeiten inventive Verknüpfungsreize finden. Der übergreifende Konflikt aber braucht lange, um sich letztendlich nur für das Altbewährte zu entscheiden. Cap weiß bezeichnenderweise auch zu gut, wie schnell sich Agenden innerhalb der globalen Gemeinschaft verändern können, worauf er als Boy Scout Amerikas ja nicht einmal im Traum kommen wollen würde.

Die Belanglosigkeit rührt aber nicht von einer unausgegorenen Charakterzeichnung, sondern einem lückenlos altbackenen Erzählkino, das Zwischentöne und Ambivalenzen der Anbiederung halber eliminiert und die Inszenierung auf Autopilot fahren lässt. Womöglich fühlt es sich auch deshalb an, als würde der Film ein und dieselbe Szene hundert Mal durchkauen, um ein Narrativ zu ergeben. In dieser einen Szene steckt aber genügend Potenzial, um die Fantasie des Superhelden, seine Verantwortung, Reuegefühle und Pflichten zu erforschen, die Frage zu stellen, wie er über den Menschen weiterhin auf menschliche Grundrechte der Eigenständigkeit bestehen kann. Marvel will keine Götter erschaffen, bodenständig bleiben und im urbanen Zweikampf das Schicksal globaler Sicherheit entscheiden. Die besten Momente entstehen allerdings gerade dann, wenn die Russos direkt Schmerzen daraus ziehen, den intimen Kampf konzentrieren, sprich die Muskeln spielen lassen. Da kann sich die Schlacht davor noch so sehr mit ideal abgestimmtem Kräftemessen anstrengen: Wenn zwischendurch eine Pause für einen oder zwei Sprüche eingelegt werden muss, wird die Spannung zweitrangig im Angesicht zur Ironie – und ein Unentschieden sowieso absehbar.

Sogar der neue Spider-Man (Tom Holland) fällt ziemlich oft als Tool auf die Nase – hoffentlich wird es ihm im kommenden Solofilm besser ergehen. Aber kann man überhaupt Hoffnung haben bei einem Franchise, das Hoffnung in jedem seiner Produkte reiteriert? Zugegeben, „Civil War“ stellt in seinen zweieinhalb Stunden einige düstere Aussichten bereit, durch die sich manch Geheimnis aufdecken lässt. Gehirnwäsche und das Gegenhalten untereinander zugunsten behaupteter Rechtschaffenheit sind nur die Spitze des Eisbergs, zahlreiche Unterredungen in Standardkulissen die visuell unergiebige Folge dessen. Was seit jeher überzeugend wie unterhaltsam über allen Zweifeln thront, ist Downey Jrs Verkörperung des Tony Stark, der die moralischen Fragen des Vigilantismus mit energiegeladenem Feingefühl vereint und sie am meisten abkriegt; weit mehr als Captain America und dessen Freunde. Diese haben lediglich ihre unverbesserliche Ideologie singulärer Entscheidungsgewalt der Verbrüderung halber anzubieten, während Starks Ambitionen des Rechtmachens aller auch nicht vom Film ungesehen bleibt. Letztendlich findet er sich aber auch erneut über dem Gesetz ein, wie so vieles an diesem Film zurück auf Punkt Null geht, aber zumindest (wieder) gegen die Rache entscheidet. Es scheint alles zu schroff, um wahr zu sein – und schließlich bestätigt sich dies auch. Abseits dessen hat dieser Lückenbüßer auf dem Weg zum „Infinity War“  jedenfalls alles am Start, was für einen kurzweiligen Aufenthalt sorgen kann – so formvollendet, dass sich die nächsten Jahre vor glänzender Selbstsicherheit schon jetzt ausmalen lassen.

Meinungen

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