Ein Franzose mit Zylinder, Einrad und Rollkragenpullover schlängelt sich durch die Straßen Paris’, eine Musikantin spielt Leonard Cohens „Suzanne“, die Welt ist Schwarz-Weiß und ein Trick. Nach einem Besuch beim Zahnarzt aber blüht sie auf, überall wachsen Drähte und Einbahnstraßen, zwischen Bäumen, Laternen und den Kirchtürmen von Notre Dame. Der Franzose heißt Philippe Petit, ist ein irrer Selbstinszenator und arroganter Tandler, der übel auf ein Bonbon beißt, mit Zahnschmerzen zum Arzt rennt und dort noch ein wenig irrer wird. Petit, das wissen schon kleine Kinder seit Mordicai Gersteins Bilderbuch „The Man Who Walked Between the Towers“, fand im Wartezimmer jenes Arztes eine Annonce, die den Bau der Zwillingstürme des World Trade Centers in New York ankündigte. Und etwas entflammte in ihm. Der Artist entschloss sich, die Türme kurz vor ihrer Fertigstellung im Jahr 1974 zu entjungfern, indem er ein Seil zwischen ihnen spannte und darüber spazierte. Die Geschichte ist unglaublich, also muss sie wahr sein. Dies erkannte bereits James Marsh in seinem superbem Dokumentarfilm „Man on Wire“, der ein Heist-Movie auffuhr, so hinreißend wie poetisch. Nun folgt ihm im Spielfilmsektor Robert Zemeckis. Mit 3D, Imax und allem Pipapo, das sich heutzutage gehört. Der Titel ist simpel: „The Walk“.

Die Archaik Philippe Petits konterkariert Zemeckis allerdings in einer Exposition, die zwischen Ulk und Voice-over pendelt. Joseph Gordon-Levitt lungert in der Fackel der Freiheitsstatue, mit alberner Perücke, Kontaktlinsen und einer Schippe Akzent, im Hintergrund New York als Fototapete aus dem Computer. Und erzählt, wer er ist, was er treibt, wie er die Türme erklimmen wird. Die Geschichte hat kaum begonnen, und schon ist Petit eine Nichtfigur in einem Nichtfilm, in dem sich Komplizen wie Bits und Bytes um einen Coup sammeln. Dann plaudert Ben Kingsley als Papa Rudy über seine Kniffe, „The Walk“ wärmt in seinen Standardisierungen auf, ohne Register, Stauräume und Schlagzeilen. Und Robert Zemeckis leitet ebenso einen Kniff ein, den höchstens Steven Spielberg noch mit Freude aufzuführen bereit ist. Es ist der letzte Taschenspielertrick eines Regisseurs, der um seine unverschämte Waffe weiß. Doch als er den Hasen aus dem Hut zaubert, staunen wir dennoch – wie zuletzt bei Martin Scorseses „Hugo Cabret“. Warum? „Es gibt kein Warum“, sagt Philippe Petit. Aber natürlich gibt es eines, ein äußerst simples.

Denn „The Walk“ ist ein Erlebnis im Spielberg’schen Geiste, das aus der Magie einer einzigen, tänzelnden Sequenz den Ursprung des Kinos gebiert – und seine Zukunft. Nichts geht über den Schweiß, der aus uns stürmt, die Angst, an der wir nagen, den Sturz, um den wir zittern. Nichts geht über das Gefühl, an einem sicheren Ort vor Panik zu straucheln, weil wir meinen, unter uns wäre nichts außer ein Seil und vierhundert Meter freier Fall. Zemeckis lähmt das Vorspiel bis zur bloßen Nummernrevue, das mehr einer Zirkusattraktion gleicht als einem Film aus Fleisch und Blut. Doch als Philippe Petit dort oben steht, ein Nebelschleier über Glas und Stahl wabert, Alan Silvestris Score für einen Moment der Atem stockt und der Wind rasselt, rekreiert „The Walk“ die Vergangenheit nicht nur und schmückt sie mit Zelluloid aus. Sondern er formuliert einen Kosmos, der sich eine Erfahrung zurückerobert, die lediglich im Kino begutachtet werden kann: das Abenteuer selbst. Es fühlt sich an, als würden wir neu geboren und gleichzeitig sterben. Dieser Film ist vielleicht nur eine Sequenz – aber diese Sequenz ist alles Spür- und Sichtbare. Denn sie produziert ein Gefühl im Schauwert: das Gefühl, dass alles möglich ist.

Meinungen

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