Ihren Horror findet eine Familie oftmals einfach in ihren eigenen vier Wänden, wenn die Kinder zu Tyrannen werden, der Vater zum Säufer und Schläger und die Mutter zur alles bejahenden Vettel, der alles egal ist und die nur vor sich hinvegetiert. Was nach einer zerstörten Familie klingt, ist auch eine, doch ist sie zumeist selbst an ihrer Situation Schuld und könnte – wenn gewünscht und mit genug Wille – diese durch Kommunikation mit Leichtigkeit bereinigen. Koexistenz auf begrenzten Raum ist gestützt auf gegenseitiger Anteilnahme und Verständnis. Das Wissen, dass mein Gegenüber mich genauso liebt wie ich ihn, basierend auf Vertrauen, hält eine Familie, eine Gruppe, eine Gemeinschaft zusammen. Wird dieses Vertrauen aber gestört, durch Eigen- oder Fremdverschulden, durch Missgunst und Unwissenheit, bröckelt eine Fassade schneller, als man vielleicht annehmen könnte.

Die zutiefst puritanische Familie um Vater William sieht sich mit einer solchen Veränderung konfrontiert, als sie von der schützenden Gemeinschaft ihrer Siedlung auf das freie Land ziehen, vollkommen auf sich allein gestellt. Ein schleichender Prozess, gleichsam die eigene Existenz zu begründen, als auch die neue Situation zu akzeptieren. Doch es scheint gut zu funktionieren, die Familie vertraut einander, sieht ihren Mittelpunkt im Zusammenleben. Irgendwie jedoch verschwindet der jüngste Spross der Familie, während die älteste Tochter Thomasin mit ihm spielt. Misstrauen entsteht, denn die zutiefst gläubige Familie sieht das Böse personifiziert – doch in wem?

„The Witch“ möchte sich gerne als klassischer Horrorfilm verkaufen, doch unter seiner Fassade der Schauergeschichten und Stereotypen beschreitet Regisseur Robert Eggers einen viel dichteren Pfad der Familientragödie, Angst und Sehnsucht. Es fehlen bekannte Schockmomente, eine Angst aufbauende Atmosphäre, dass etwas Böses lauert. Stattdessen ist „The Witch“ viel mehr als nur Grusel, es werden sämtliche bekannte Möglichkeiten ausgenutzt, um Atmosphäre zu manifestieren. Gefangen in der Natur, weit ab von jeglicher Zivilisation, tritt Eggers in die Spuren eines Lars von Trier. „Die Natur ist Satans Kirche“, spricht Sie, die namenlose Protagonistin aus von Triers „Antichrist“, die sich mit der zerstörerischen Kraft der Natur konfrontiert sieht, während ihr personeller Bezug zur Menschlichkeit, zum Ehemann, immer mehr abhandenkommt. Die Natur ist das Böse in „Antichrist“, genauso wie die Natur böse wird, sich zerstörerisch gegen die Familie in „The Witch“ wendet. Die Familie in „The Witch“ verliert sich, wie das Ehepaar, immer mehr.

Eggers Spielereien und Analogien sind beizeiten penetrant, er versucht zu selten, auf eigenen Füßen zu stehen und buchstabiert nach, was andere schon vor ihm wussten und zeigten. Obgleich diese Eintönigkeit der Inspiration selten auf dem Punkt der Wiederholung stagniert, fehlen die eigenen Akzente. Michael Hanekes „Das weiße Band“ scheint die Inspiration für die partiellen, patriarchischen, undurchdringlichen Funktionen innerhalb des kleinen Kosmos zu sein, in dem sich die Familie bewegt. Ein Durchdringen der Grenzen, Ausbrechen aus dem eigens auferlegten Gefängnis scheint nicht möglich zu sein, stattdessen sehen sie sich ihrem Untergang und der Zerstörung gegenüber, die die Familie nach und nach von innen zerstört. Vater William, gespielt von Liam-Neeson-Verschnitt Ralph Ineson, zutiefst gläubig, sieht in seiner Tochter ein Feindbild, das von einer Hexe heimgesucht wurde und nun die Familie zerstören will. Hier beginnt auch schon der einzige wirkliche Horroraspekt zu greifen, der sich von seinen Thriller- und Dramaattitüden zu lösen versucht. Der Glaube der Familie, stärker als die Liebe zueinander und das Vertrauen ineinander, schürt übernatürliche Ängste, die als vollkommen real angesehen werden. Insofern ist es viel leichter, „The Witch“ als Familiendrama zu verstehen, anstatt als simplen Horrorfilm, der sich Schockmomenten bedient, um eine bedrückende und Angst simulierende Atmosphäre zu generieren. Stattdessen befindet sich die Familie in einem schleichenden Prozess des Zerfalls, ihrer eigenen Zerstörung, ausgelöst aufgrund ihrer fatalistischen Blindheit.

Die Kälte der Bilder, die dann besonders hervorkommt, wenn das Rot des Bluts und die wärmenden Strahlen der Kerzen versuchen, so etwas wie Innigkeit zu suggerieren und die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins projiziert, wird diese Kälte zum wiederkehrenden Symbol der Einsamkeit der gesamten Familie. Mit ausgebreiteten Armen, Vollbart und langen, wilden Haaren wirkt Vater William beim Gebet im Schein der Kerzen wie der Sohn Gottes, gesandt zur Erde, um die Familie vor dem Unheil zu bewahren, das der Teufel in sie gebracht hat. Hier wird der Glaube der Familie zum Aberglauben, zum Gespött dessen, was Glaube eigentlich bewirken soll: Nächstenliebe, Zusammenhalt. Dem Bösen soll widerstanden werden – doch Eggers nutzt dieses uramerikanische Sittenbild einer Familie, gefangen in ihrem eigenen Glauben, als Auslöser allen Übels.

Dahin gehend könnte Eggers Spielfilmdebüt vermutlich gar nicht besser sein. Die Verknüpfung jeglicher Genreelemente zu einem Ganzen, nie den Fokus verlierend, trotz seiner ausufernden, beinahe überlaufenden Grenzüberschreitung macht „The Witch“ als Horrorfilm zwar nicht neuartig, schon gar nicht zum „besten Horrorfilm seit Jahren“, aber als Genrefilm, der verknüpft und mit diesen Elementen spielt, überdurchschnittlich und in vielerlei Hinsicht einzigartig. Es stellt sich kein kreischendes Gefühl der Angst ein wie bei „Shining“, trotz maßgeblicher Einflüsse, sondern vielmehr ein ungutes, inneres Ziehen, ganz ähnlich dem inhärenten Ziel des Films: schleichend, aufeinander aufbauend, verstörend – psychologische, belastende Angst.

Meinungen

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