Aus hiesigen Landen kommt manch unterschätzter Veteran nur selten zu Ehren. Deshalb widmen wir uns dem Werk von Hans W. Geißendörfer in einer Retrospektive voller Filmschätze. Dieses Mal geht es um die Serie „Lobster“ von 1976. Es folgen Besprechungen zu den letzten drei Episoden.

Episode 4: Handschellen

Erstausstrahlung: 7. April 1976

Am Anfang dieser Episode erleben wir einen gut gelaunten „Lobster“ (Heinz Baumann), der im Gegensatz zum Polizeichef glaubt, dass wir Menschen gut und böse zugleich sind. Ein Credo, auf dem eigentlich weit mehr Medien gründen könnten. Soweit läuft alles für Lobster und seine Tochter Ellen. Doch urplötzlich wird der Spieß für sie und die Serie umgedreht, als sie unerwartet Besuch von Fred Wortmann bekommen, einem Gewaltverbrecher, der bei seiner Flucht aus dem Gefängnis zwei Polizisten umgebracht hat und nun den Mann aufsucht, der ihn einst in den Knast steckte: Lobster. Doch Wortmann ist nicht einfach nur gekommen, um seinen Greifer profan abzuknallen. Nein, Ellen und ihr Vater sollen ihm dabei behilflich sein, eine neue Identität zu erlangen – mithilfe von Schnurrbärten, Fotoapparaten, einer Menge Geld und vielem mehr. Sollte er nicht spuren oder ihn bei der Polizei verpfeifen, bringt er Ellen um. Aus diesem Grund zwingt er Lobster sogar, aufs Polizeirevier zu gehen und dort Handschellen zu klauen, damit er die Tochter in Schach halten kann.

Diese heiße Situation entwickelt sich zu einem Kammerspiel, das weit entfernt von früheren Folgen, aber immer noch sehr eindringlich ist. Das zeigt sich am besten an Ellen, die bei anderen Hausgästen (zum Beispiel Borsig aus Folge eins) eine Verbrüderung anstrebte, nun aber unter Wortmanns Terror zu leiden hat und in günstigen Augenblicken sogar verzweifelt versucht, ihren Geiselnehmer niederzuschlagen. Doch dessen Wesen ist so abgestumpft und hasserfüllt, dass ihm höchstens die Nerven durchbrennen. So wird sie bei jedem Versuch erbarmungslos geschlagen und gequält – ein bewusst schwierig anzusehender Schmerz, dessen naturalistische Gestaltung an weitere Leidenswege im Werk des Hans W. Geißendörfer erinnern; angefangen bei „Der Fall Lena Christ“. Aber auch Lobster kriegt ordentlich sein Fett weg und muss sich bei jeder Rückkehr in die Wohnung vor Wortmann ausziehen. Auch seine Tochter muss mit ansehen, wie er immer wieder gedemütigt und auf verbrecherische Botengänge angesetzt wird. In ihm baut sich eine Wut auf, dass er sogar versucht, seine Tochter und Wortmann (der sie mit Handschellen an sich gebunden hat) des Nachts mit Gas zu betäuben, um sie aus seinen Fängen zu befreien.

Szene aus „Lobster“ © Studio Hamburg Enterprises

Szene aus „Lobster“ © Studio Hamburg Enterprises

Doch Wortmann kommt ihm zuvor, erhängt Ellen beinahe im Badezimmer und lacht über Lobster, als dieser versucht, ihre Atemzirkulation wieder in Gang zu bringen. Für Lobster zählt nun, dass er seine Tochter aus diesem Schlamassel herausholt. Also geht er auf Wortmanns Befehl ein, Geld aus der Volksbank zu stehlen und dafür in einen weiteren beengten Raum einzusteigen: das untere Ende eines Fahrstuhlschachts, von dem er sich in den Tresorraum hineinbohren soll und der ihm genauso die Luft zum Atmen nehmen dürfte wie der Eindringling in seiner Wohnung. Als unserem unfreiwilligen Bankräuber jedoch der Fahrstuhl auf dem Weg nach unten über dem Kopf stecken bleibt, wird er vollends eingeschlossen. Doch Lobster wäre nicht Lobster, wenn er sich nicht doch noch einen ausgefuchsten Plan zur Rettung seiner Tochter ausdenken könnte.

Diese vierte Episode nähert sich voller Kompromisslosigkeit den finsteren Implikationen des Krimis und erschafft in knapp einstündiger Laufzeit eine zwar handwerklich unaufdringliche, aber unheilvolle Spannung auf demselben Fleckchen Erde, auf dem sonst Humanismus versucht wird. Dieser wird hier auf eine sadistische, schmerzvolle Probe gestellt und muss dabei auf verzweifelte bis clevere Verteidigungsmaßnahmen zurückgreifen. Schlussendlich siegt die Menschlichkeit, da Lobster alle seine Fähigkeiten bis zur Selbstaufgabe einsetzt, um sein höchstes Gut, das Leben seiner Tochter, zu retten. Ein intensives Kammerstück, das die Sicherheit seiner Charaktere außerhalb der seriellen Erwartung unterwandert und die familiäre Sorge dabei weiterhin entschieden in den Fokus stellt.

Episode 5: Blut

Erstausstrahlung: 21. April 1976

Frühstück bei Familie Lobster beginnt dieses Mal nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit einer Maß Bier. Es folgt ein Anruf für einen Auftrag, bei dem es womöglich um Leben und Tod geht. Das ist nichts Neues für unseren Privatdetektiv, weshalb er Ellen verschmitzt suggeriert, dass er den Job gar nicht annehmen müsse. Aber natürlich geht er doch zur Arbeit, dieses Mal sogar offenbar beschwipst. Genauso ordinär gestaltet sich der darauffolgende Fall: Die Tochter der Modedesignerin Corinna Wieland, Susan (Anna Martins aus „Perahim“), ist verschwunden und hat dabei Schlaftabletten der Mutter mitgehen lassen. Hauptsache, die Polizei weiß nichts von dieser Sache, damit kein Skandal für das Unternehmen in die Welt gesetzt wird – so wird es Lobster vom Geliebten und Geschäftsführer Wielands, Heinz Gruber, verdeutlicht. Lobster merkt schnell, dass hinter dieser Sache wieder mehr stecken wird, begibt sich in Susans Zimmer und entdeckt dort Blutspuren.

Auf der Suche nach der Vermissten begibt er sich schnurstracks zu deren Freund Toni, der sie vor Kurzem noch bei sich hatte. Ein Amulett ihrer Liebe an der Türklinke verrät Lobster, dass wohl etwas Schlimmes passiert ist – und tatsächlich: Hinter dem Anwesen finden sie die leblose Susan in einem Boot liegen. Ein fast schon poetisches Selbstmordszenario, das Geißendörfer hier am Ufer eines leicht umwehten Sees inszeniert. Mysteriös schwankt darin auch eine Jacke voller Blut, welches sich nicht als das ihre entpuppt. Jetzt geht Lobster erst recht in seinem Element auf und findet im Badezimmer der Familie die Scherbe einer Whiskyflasche. Ist Lobster tatsächlich endlich an einen Fall geraten, in dem er komplett aufgeht; ganz dem Image eines perfekten Fernsehdetektivs entsprechend? Er kann nach einiger Zeit die Aufseherin der schnell von der Familie versteckten Susan, eine gewisse Gudrun (Angelika Bender), abgreifen, welche ihm in einer Hotelbar die Angelegenheit erklärt und ihm auch davon berichtet, dass Herr Gruber in der Bude der Wielands gerne „Rudelficken“ veranstaltet.

Szene aus „Lobster“ © Studio Hamburg Enterprises

Szene aus „Lobster“ © Studio Hamburg Enterprises

Ganz schön lockerer Umgangston für eine zeitgenössische Krimiserie des WDR, verbunden mit der schummrig ins Licht gerückten Säufernase Lobsters, dem vor Geilheit (aufgrund der nahenden Lösung des Falls) die Augen glühen. Diese Lust auf Genre-Erfüllung entwickelt auf den letzten Metern weitere vorhersehbare Auswüchse und macht Lobster beinahe zu einem waschechten Actionhelden, der Flaschen auf seinem Schädel zerdeppern lässt und Revolver aus Händen schlagen kann. Auf jeden Fall endet die schnörkellose Folge schlagartig mit der Fassungslosigkeit der Mutter und lässt den eingeweihten Zuschauer ebenso zurück, da Geißendörfer jene besonderen Elemente der Reihe gegen eine verhältnismäßig exploitative Beliebigkeit eingetauscht hat. Die zentralen Themen sind allerdings noch immer stark präsent. So sieht man Lobster weiterhin mit seiner Ellen frühstücken, scherzen und über Alltägliches, wie die Grundstückspreise in Kanada, quatschen.

Und auch in der Familie Wieland wird Tochter Susan wie ein Heiligtum behandelt, nach dem Selbstmordversuch vor der Außenwelt geschützt und in sauberen weißen Räumen ins Bett getragen, wo sie von keinem empfangen werden darf. Ihre Unschuld muss bewahrt werden – und natürlich entpuppt sich ihr Handeln als jungfräuliche Notwehr, auf dass sie mit ihrem naiven Beau Toni wieder zusammenkommen kann. Ansonsten lässt diese Folge aber jene Feinfühligkeit vermissen, mit der man sich zuletzt angefreundet hatte: Lobster stieg der Alkohol vom Anfang wohl zu Kopf und legte sich wie ein Schleier über das Handeln des Privatdetektivs, der nur noch bedingt Rücksicht nimmt auf die verängstigten Gefühle der Mutter. Er weiß sofort, dass etwas Perfides im Argen liegt, und gibt sich im Folgenden so ordinär, dass sich die Folge dem anpasst und die Mutter auch kaltschnäuzige Phrasen hinrotzen lässt, welche mit lautstarken Anschuldigungen quittiert werden. Das Verständnis bleibt da verständlicherweise auf der Strecke und verwandelt diese Geschichte in weit hergeholte, aber dennoch kurzweilige Reißerware.

Episode 6: Das Kind

Erstausstrahlung: 5. Mai 1976

Das Thema Familie war schon immer Grundlage für die Abenteuer des Privatdetektivs Lobster, der gemeinsam mit seiner Tochter Ellen den Alltag zu meistern versucht, um die Miete zu bezahlen, und dafür jeden Job annimmt. In dieser Folge mit dem bezeichnenden Titel „Das Kind“ strebt der Familiensinn nach neuen, gütigen Wegen und bemüht sich am Pfad der Wiedergutmachung um jene Empathie, welche diese Serie von Anfang an so besonders machte. Ausschlaggebend dafür ist wie so oft das Gespräch zwischen Vater und Tochter am Frühstückstisch, wo er von einem Briten berichtet, der aus hundert Pfund per Rasierklinge angeblich zweihundert machen konnte. Lobster selber würde das auch gerne hinkriegen, wobei ihm Ellen aber klar macht, dass sie im Augenblick nur zehn Mark zur Verfügung hätten. Ihr reicht das aber aus, um sich per Bus und Bahn nach neuen Minijobs umzuschauen. Alles im Lot also. Bei Lobsters ist das Himmelreich nämlich schon auf Erden, wird die Schlafzimmertür doch wie gehabt von einer blauen Himmelstapete umschlossen. Auch der Herr Papa ist guter Dinge und drängt wie gehabt nicht darauf, unbedingt einen Auftrag anzunehmen. Erst, als er Ellen im spielerischen Ton seine Erhabenheit beweisen will, geht er darauf ein – und schon landet ausgerechnet ein Scheidungsfall vor seinen Füßen, bei dem er einen gewissen Giuseppe Scaffi für eine Zeugenaussage aufsuchen soll.

Zu Hause bei dem Herrn findet er aber nur dessen Sohn Nicky vor, der selber nicht zu wissen scheint, wo sein Vater steckt. Lobster probiert zwar, über ihn den Zeugen zu finden, ist aber noch immer ein Menschenfreund und bietet dem scheuen Jungen seine Freundschaft an. Schließlich ist auch er ein Familienmensch und weiß mit Kindern umzugehen. Liegt es ihm daran, wenn es schon nicht mit dem Geld klappt, sein wahres Glück auf diesem Wege zu teilen? Zudem setzt er sich auch in Kontakt mit der mütterlichen Tante des Jungen, von der er erfährt, dass Giuseppe mit seiner Geliebten davon segeln möchte. Nun nutzt Lobster sein Vertrauen bei Nicky etwas perfide aus, um den Job möglichst kurz und schmerzlos über die Bühne zu bringen und verklickert ihm, dass sein Vater bereits ohne ihn abgedampft sei, was dieser zwar skeptisch, aber doch nervös beäugt. Er fordert Lobster auf, ihm nicht hinterher zu spionieren, worauf dieser bereitwillig eingeht. Der Trick bei der Sache ist: Lobster schickt Ellen voraus, um Nicky zu folgen und so den Aufenthaltsort seines Vaters zu erspähen. Beachtlich wirkt allerdings, dass diese verschämte Spionage auch als erster, neugieriger Annäherungsversuch einer großen Schwester zu ihrem neuen Brüderlein gelten könnte, so wie sich Lobsters väterliche Beziehung zu dem Jungen bis hierhin entwickelt.

Szene aus „Lobster“ © Studio Hamburg Enterprises

Szene aus „Lobster“ © Studio Hamburg Enterprises

Wer aber mit der Rasierklinge sein Glück zu teilen versucht, begibt sich unweigerlich auf gefährliche Pfade. Sobald Lobster nämlich dem angeblichen Anwalt seines Klienten die Position von Scaffi mitteilt und abgewimmelt wird, sieht er ein, dass er einen Fehler begangen hat. Doch jede Hilfe kommt zu spät: Nicky muss mit ansehen, wie seinem Vater in den Kopf geschossen wird. Lobster will es wieder gutmachen; gewisserweise die Erwartungen einer Vaterfigur erfüllen und den Mörder aufsuchen. Dass er ihn dabei in der alten Fabrik zusammen mit der neuen Schwester Ellen aufsucht, ist zwar ein Schuldeingeständnis beider, wird aber von Nicky so gedeutet, dass Familie Lobster den Mord an seinem Vater verübt hat. Nun ergibt sich Lobster erstmals in der Geschichte der Serie dem Suff aus Frust, macht sich selbst Vorwürfe, ein Schwein und ein Idiot zu sein. Ihn plagt die Schuld, aber Ellen fordert ihn auf, sich aufzurappeln, um Wiedergutmachung zu leisten. Im immens spannenden Finale der Geschichte bricht jedoch der verzweifelte und zur Rache entschlossene Nicky in Lobsters Wohnung mit seinem Gewehr ein, um diesen aus dem Hinterhalt zu erschießen. Wie wird die Situation für alle Beteiligten ausgehen? In diesen letzten Momenten gelingt Geißendörfer ein Gefühl der Geborgenheit und Genugtuung für diesen zwischen seinen Emotionen hin- und hergerissenen Jungen, der seine Vergebung im Wiederaufbau einer Familie erlebt.

Diese gezwungenermaßen letzte Episode im „Lobster“-Fundus stellt zwar wie gesagt keinen umfassenden Abschluss des Gesamtkonzepts dar, funktioniert aber dennoch als konzentrierter Schaukasten jener lieb gewonnenen Elemente der Serie. Geißendörfer geht erneut mit einem audiovisuellen Verständnis heran, das sich ebenso effektiv in der Charakterzeichnung seiner gebrochenen Figuren widerspiegelt, wobei Lobster hier so stark wie noch nie an die ethischen Grenzen seines (nur bedingt Genrekonventionen erfüllenden) Berufes gerät und deren bittere Konsequenzen erleben muss. Solange der soziale Wille jede Herausforderung zu bewältigen versucht, lässt es sich eben leben. Die dunklen Seiten jenes Lebens mögen zwar an jeder Ecke lauern – aber es gilt, sie nicht bloß mit der Kelle zu vertreiben, sondern mit einem Sinn für Gerechtigkeit auf allen Seiten zu konfrontieren. Die Welt, die diese Serie für sich erschaffen hat, mag in den Augen mancher zeitgenössischer Kritiker weit hergeholt gewesen sein. Es wäre rückblickend aber wünschenswert, wenn im Hier und Jetzt ähnlich ambivalente Charakterzeichnungen anhand vorherrschen würden, anstatt dem einfacheren Genrekonsens zu verfallen. Nicht jeder kann sich zwar einen „Lobster“ leisten – doch erstrebenswert bleibt er bis zum bitteren Ende.

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