In „Zaytoun“ keimte die Hoffnung auf Versöhnung weit genug in einem Olivenbaum, dass aus Feinden Freunde wurden, die ihre gegenseitige Nähe anerkannten. In Eran Riklis’ „Mein Herz tanzt“ aber darf die Welt ihren Hass nicht für die Liebe räumen, sondern nur auf Zeit spielen. Wie bereits in „Lemon Tree“ porträtiert der israelische Regisseur zwei Seiten, die eine manchmal imaginäre Mauer trennt: die Seite der Realität und die Seite der Vernunft. Die Realität des jungen Palästinensers Eyad gibt ihm vor, seine Identität zu verschleiern, wie eine afghanische Frau ihr Äußeres mit einer Burka verschleiert. Die Vernunft jedoch lässt Eyad auf einem Eliteinternat in Jerusalem eine Jüdin lieben, obwohl die Eltern dieser nur das orientalische Stereotyp eines Arabers vor Augen haben. Darin äußert Riklis einen Konflikt, dessen Ursprung sich insbesondere für westliche Kulturen schwer erschließt, da seine Wurzeln ebenso offenkundig wie nebulös wirken. Die Geschichte um Eyad und die zwanghafte Unterdrückung seiner Herkunft interessiert sich in diesem Sinne zwar auch für politische und geografische Untertöne, weist die Koexistenz zweier Völker allerdings ohne Rührseligkeit und vor allem Komplexität aus.

Obwohl Riklis großartig schildert, wie Liebe einer kulturellen Distanz weichen kann, für die es irgendwann keiner Worte mehr bedarf, maßen sich einige Nebenstränge der Erzählung einem glatten Populismus an, der fühlen lässt, aber nicht erklären kann. Indem der Film zwischen Stimmungen changiert, die sich keinem Genre unterwerfen, verliert er sich in der Oberfläche des Akzentlosen. Was er dabei vergisst: Der intelligente Eyad ist eigentlich ein Krieger, der immer einen Schritt zu weit traumtänzelt. Der wahre Kampf im vergangenen wie heutigen Israel bleibt dabei – konträr zu Sayed Kashuas semi-autobiografischem Roman, auf dem der Film basiert – nahezu unausgesprochen. Vielmehr wird in Blicken kommuniziert, die an Wänden des Missverständnisses abprallen oder als freudlose Witze amüsieren. So ist „Mein Herz tanzt“ ein Film über das Erwachsenwerden, der sich dennoch scheut, erwachsen zu werden. Ganz im Gegensatz zu seinem Protagonisten, der jung merkt, dass er alt werden muss.

Meinungen

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