Vorweg ein Geständnis: Der Autor dieser Zeilen hatte bislang noch keinerlei Kontakt zu dem, was heute unter dem Terminus „World of Warcraft“ firmiert und dürfte somit nicht die Verbundenheit vorweisen, welche Voraussetzung für den nun kommenden Spielfilm ist. Und fürwahr: Das Lexikon an Begriffen, Klans, Klassen und Schauplätzen in „Warcraft: The Beginning“ ist von vornherein immens ausgearbeitet und durch die Produktionsfirma Legendary Pictures gewohnt auf Fanservice ausgelegt. Jener Untertitel signalisiert aber schon, dass die Adaption von Duncan Jones („Moon“, „Source Code“!) nicht bloß für sich steht, sondern auch dem Konsens serienfähiger Kassengaranten Folge leisten muss. Eine entsprechende Massentauglichkeit ist sodann in der Gestaltung des Films an sich imprägniert, so stark er der Horde an Genrevertretern gerecht wird, die spätestens seit „Der Hobbit“ den CGI-Zenit erreicht haben. Deshalb ist Aufholarbeit angesagt, wenn am besten gleich alle lieb gewonnenen Merkmale und Dramaturgien in einem Film vorkommen sollen. Die Themenspannweite ist dadurch zwar prall, geballt kann sie jedoch nicht zuschlagen.

Das wäre ungefähr so, als würde man eine Staffel „Game of Thrones“ in zwei Stunden zusammenfassen wollen; Duncan Jones versucht zumindest sein Bestes, cineastisches Flair aus diesen Umständen zu schöpfen. Sobald seine Orks nämlich, angeführt vom bösen Magier Gul’Dan, durch ein interdimensionales Portal zur Menschenwelt durchdringen, weil ihre eigene dem Untergang geweiht ist, ist dem Titel entsprechend Martialisches angesagt – und da lässt er nur wenig Zweifel an der Brutalität des Unterfangens, wenn Riesen auf Normalsterbliche treffen, sie versklaven und deren Seelen rauben. Gewalt durch Faust und Schwert besitzt zudem die audiovisuelle Stoßkraft, tatkräftig unterstützt von der ILM-Renderfarm, welche vom Formate eines „Avatar“ fotorealistische Monster per Motion Capture zwischen die Lande des Unwirklichen verteilt. Obwohl Jones konkret inszeniert und klotzend visualisiert, die Action der Vorlage ohne Spieler-Input umsetzt und teils brutaler schneidet als ein Axthieb per Orkfaust, sind ihm aber scheinbar die Hände gebunden, über das Gewöhnliche hinaus zu denken, sobald er seine Parteien um Menschen und Orks zu charakterisieren versucht.

Diese fallen relativ einsilbig aus, was bei einem Videospiel nicht problematisch wäre, da man als Gamer selbst gewählter Figuren im eigenen Handeln eine Projektionsfläche findet – im Film jedoch hat die simple Grundneigung zur Folge, dass das Setting austauschbar, Dialoge und Emotionen streng funktionell werden. Betrachtet man einmal den guten Ork Durotan (Toby Kebbell), der seiner Familie und der Vernunft wegen an den Absichten Gul’Dans zweifelt und in Zusammenarbeit mit den Menschen rebellieren sowie Frieden finden will, trägt das mitunter noch oberflächlichere Früchte als die ähnliche Konstellation aus „Planet der Affen – Revolution“. Auf der Gegenseite ist man dann auch schnell zu Gange, den Krieger Aduin Lothar (Travis Fimmel) ins Getümmel zu schicken, der sich am ehesten Sorgen um Sohn sowie König Llane (Dominic Cooper) und Vaterland macht, dennoch mehr den gewitzten Haudegen voll lauer Gags gibt. Magisch dürfen sich noch der junge Sidekick Khadgar sowie Der Wächter Medivh (Ben Foster) bewähren, wobei letzterer trotz seiner unglaublichen Kompetenzen nicht umher kommt, einer vergangenen Liebe hinterher zu trauern und somit etwas anfällig für die dunkle Seite wird (dabei schielt Hollywood dieses Jahr einmal mehr in Richtung von Lamberto Bavas „Dèmoni“).

Tiefere Ambitionen kann der Film ihnen nicht erlauben, während er sich um Konfrontation reißt und Action im Kanon obskurer High Fantasy bemüht, welche dadurch wieder sehr verständlich und durchschaubar wird. Als Mittler heutiger Zuschauermassen ist Gefälligkeit leider König (und Gold für die chinesischen Investoren), selbst Mittlerin Garona stellt mehr Kompromiss und Kalkulation dar als ihre Behauptung, eine starke und eigenständige Orkfrau zu sein. Mal abgesehen von den offensichtlichen Parallelen zu Zoe Saldanas Gamora in „Guardians of the Galaxy“ funktioniert sie mehr als Love Interest Lothars, weil ihre Erscheinung genauso gut Cosplay darstellen könnte und so bewusst auf sexy getrimmt ist, als ob eine XXX-Parodie kurz bevorsteht. So offen gibt sich „Warcraft“ aber nicht jenen hormonellen Impulsen hin, stattdessen kommt durch jene ungünstigen Faktoren eine Dynamik melodramatischer Schlachten zusammen, wie sie Blitz und Donner, Rüstungen und abgewetzte Gliedmaßen in aufgegeilter Kohärenz aufeinanderstoßen lassen. Ab und an darf auch die Rücksichtnahme aufs Publikum vergessen werden, so sprunghaft sich Regisseur und Koautor Jones durch die Elemente des Eskapismus schlägt und die Gravitas eines John Milius hommagiert, wenn er ungeniert Ehre, Kampfgeist, Tradition und andere spartanische Werte als Gerechtigkeit herausstellt und kulturelle Eigenständigkeit gegen Sklaverei und Diktatur empathisiert.

Da lässt sich in der bunten Fantasiesprache auch schnell ein politisches Gleichnis vergessen, obgleich die Orks auf Gehorsamkeit und Terror setzen, jedoch ganz klassisch Verbündete und Gemeinsamkeiten auf beiderlei Seiten vorfinden. Nur eben in letzter Instanz wird’s womöglich unbequem, wenn die Erwartungen in Gut und Böse, Verrat und Triumph doch über Umwege (zumindest mit Zweifeln) erfüllt werden und trotz Widersprüchlichkeiten gewiss nicht mit faschistischen Anspielungen geizen, wie sie dem Genre seit jeher anheimfallen. Ohnehin bleiben einige halb gar aufgeschlossene Handlungsstränge in der Luft hängen, die auf Fortsetzungen deuten, sogar die Sage von Moses anreißen und zwischen den Zeilen die mythologische Power zu finden versuchen, die aus einem Epos auch eine empathische Verinnerlichung schlagen kann. Das gelingt zumindest in einigen obercoolen Schlüsselmomenten, die über Minimalismus und Haudrauf in der Figurenzeichnung sogar Konsequenzen ausdrücken. An vielen Stellen muss man aber beklagen: Viel Lärm um Nichts, aber doch kurzweilig und ehrlich genug (manchmal jedoch arg langweilig) in der Ikonografie bester Heavy-Metal-Albumcover unterwegs, um das Popcorn in einer weiteren Ära des Konflikts verschiedener Kulturen vorzuheizen. Klingt gruselig, passt aber zu 2016 wie die Faust aufs Auge.

Meinungen

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