Obwohl uns die Filme meistens etwas anderes lehren, finden wir in unseren Leben und Geschichten kein Ende. Und selbst wenn, fängt ohne Umschweife gleich wieder etwas Neues an. Bezeichnenderweise setzt sich auch der Zeitzyklus des Kinos für das anstehende Jahr 2015 wie gehabt in Gange und liefert erneut ein Gros an fiktiven Leben und Geschichten. Die Auswahl türmt sich im endlosen Treiben des Produzierens sowohl behäbig als auch ambitioniert an der hiesigen Leinwand auf, um schon inmitten des Winters an der Spitze des Box Office zu strahlen. Da macht man sich nun mal warme Gedanken. Auch wir retten uns allzu gerne in den pausenlosen Eskapismus, ganz gleich, welche Qualität an Film uns da im Dunkeln erwartet.

Die Filme im Januar

Doch um bei dieser Masse an Möglichkeiten die Wahl der cineastischen Flucht zu erleichtern, folgen nun unsere fünf Filmempfehlungen für den rücksichtslosen Januar – sortiert nach Kinostart.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Kinostart: 1. Januar. Regie: Roy Andersson.

Szene aus „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ © NEUE VISIONEN Filmverleih GmbH

Szene aus „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ © NEUE VISIONEN Filmverleih GmbH

Roy Andersson meldet sich sieben Jahre nach seinem letzten Output „Das jüngste Gewitter“ mit einem neuen Werk in seiner überschaubaren Filmografie zurück und schließt mit „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ seine Trilogie über das Menschsein ab. Dieser hier angewandte Abschluss findet schon früh Begegnungen mit dem Tod, eingereicht in Vignetten starrer Aufnahmen, in denen alles blasser erscheint, je länger es schon auf dieser Erde verweilt, nun verendet. Darüber legt sich in vereinender Abgeklärtheit ein synthetischer, provinzieller Walzer, passend zum stetig desaturierten Interieur einer ermatteten Verlebtheit, mit grotesk-industriellen Hintergründen am Horizont. Die hier auf das Gefühl der Drögheit reduzierte Visualisierung beherbergt dadurch einen schleichend genüsslichen Grad an existenzialistischer Komik, der im Folgenden immer weiter – nicht unbedingt extremer – ausgebaut wird.

National Gallery

Kinostart: 1. Januar. Regie: Frederick Wiseman.

Szene aus „National Gallery“ © Kool/Filmagentinnen

Szene aus „National Gallery“ © Kool/Filmagentinnen

Er hat sich ein Jugendgericht vorgenommen, er hat sich dem Tod in einem Krankenhaus angenommen, die Polizei begleitet, Berkeley besucht, eine Highschool bereist und mit seinem Finger der Kamera auf die Wirkmaschinerie der Demokratie verwiesen. Frederick Wiseman ist seit den Sechzigern der zerteilende Hofberichterstatter, der stumme Begleiter und der institutionelle Epochenerzähler Amerikas. In „National Gallery“ geht Wiseman erstmals ins Museum, in die traditionelle Londoner National Gallery, einem Geburtsort des Blickes zwischen Betrachter und Betrachtendem, wo Kunst Zeit einatmet, einsaugt und einfriert. Beginnend (und endend) damit, dass die Gesichter der Besucher mit den Motiven der Bilder ineinander verschränkt werden – grüblerische, verdutzte und in Überlegungen aufgelöste Gesichter einer Einkehr, zu der „National Gallery“ sklavisch zurückfindet, die gesamten drei Stunden über.

Xenia

Kinostart: 15. Januar. Regie: Panos H. Koutras.

Szene aus „Xenia“ © Pro-Fun Media GmbH

Szene aus „Xenia“ © Pro-Fun Media GmbH

Ein Laut zwischen Keuchen und Lutschen. Zwischen Verkehr und Lolli. Aber erst: ein Hase. Nicht das Bunny, sondern der Hase. Nicht sprich-, wortwörtlich. Panos H. Koutras’ „Xenia“ beginnt, wie man sich einen Film des griechischen Gegenwartskinos nach Yorgos Lanthimos’ Wunderwerken „Dogtooth“ (2009) und „Alpen“ (2011) gemeinhin vorstellt: eben wie eine wundersame Überraschung, die den Blowjob und einsame Kuscheltiere betreut – bis der Roadtrip endet. Ein bisschen lynchesk hadert das Ganze auch mit sich selbst, aber es versteift sich nicht auf solche Quer- und Quälereien. Schließlich will „Xenia“ noch erzählen von zwei Brüdern, die nach Griechenland gehören und doch wieder nicht. Panos H. Koutras fragt, ob Humor Griechenland oder die Welt retten kann. Wer weiß? Aber Koutras weiß, zu welchen erstaunlichen Dingen Film imstande ist.

Baymax – Riesiges Robowabohu

Kinostart: 22. Januar. Regie: Don Hall und Chris Williams.

Szene aus „Baymax – Riesiges Robowabohu“ © Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Szene aus „Baymax – Riesiges Robowabohu“ © Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Der neueste Streich aus dem Hause Disney? Das ist ein Roboter, der aussieht wie ein Michelin-Männchen. Baymax heißt er und wurde entwickelt, um Menschen medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Dabei ist Don Halls und Chris Williams’ im Deutschen ebenso betitelter „Baymax“ ein moderner Superheldenfilm mit einem wunderbaren Schuss Disney-Tradition und zugleich ein actionreiches Abenteuer, welches genügend Charakterentwicklung bietet, um dem Zuschauer bereits nach einer halben Stunde das erste Mal Tränen in die Augen zu treiben. Vor allem Hiro und Baymax sind ein unverschämt sympathisches Duo, das am Ende durch einige Sidekicks zu einer richtigen Superheldentruppe heranwächst. Schwächen sucht man in dieser Animationsperle fast vergeblich. Vielmehr erfreut man sich an der Tatsache, dass Disney nach so vielen Jahrzehnten noch immer glücklich macht. Bravo!

Birdman

Kinostart: 29. Januar. Regie: Alejandro González Iñárritu.

Szene aus „Birdman“ © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Szene aus „Birdman“ © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Knapp zwei Stunden lang nimmt uns Alejandro González Iñárritu auf einem beständig fließenden Ritt – unter zahlreichen Flüchen und Konfrontationen – durch die bissige Transformation im Theater mit, am Broadway entlang durch die Anstrengungen der Anerkennung und nicht nur psychischen Keilerei zur Eroberung der persönlichen Erfüllung. Denn in „Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ wird für die künstlerische Klimax zwangsläufig ins Extrem gegangen, um die eigene Existenz, die Bedeutung und den Drang des Schaffens zu verteidigen. Jene nervöse Energie zeichnet sich am abgehalfterten Schauspieler Riggan Thomas (Michael Keaton) ab, der sein ganzes Herzblut in die Adaption von Raymond Carvers „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ steckt.

Weitere Starts im Januar

Ebenso in den hiesigen Lichtspielhäusern laufen an: „Herz aus Stahl“ und „Lilting“ am 1. Januar; „96 Hours – Taken 3“, „Die süße Gier – Il Capitale Umano“, „Let’s Be Cops – Die Party Bullen“, „St. Vincent“, „The Best of Me – Mein Weg zu Dir“ und „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ am 8. Januar; „Amour fou“, „Annie“, „Der große Trip – Wild“, „The Gambler“ und „Unbroken“ am 15. Januar; „Fräulein Julie“, „Missverstanden“, „Mortdecai – Der Teilzeitgauner“, „Ouija – Spiel nicht mit dem Teufel“ und „The Imitation Game“ am 22. Januar sowie „John Wick“ und „Red Army – Legenden auf dem Eis“ am 29. Januar. Ab 22. Januar tourt Richard Linklaters „Boyhood“ zudem als Wiederaufführung durch die Lande.

Für alle, die sich ihre Hintern lieber oder vorrangig auf der heimischen Couch platt drücken, gibt es: „Hercules“ ab 2. Januar, „Guardians of the Galaxy“ und „When Animals Dream“ ab 8. Januar, „Lucy“ ab 12., „Katakomben“ ab 15., „Open Windows“ und „The Captive“ ab 27. Januar, „Der Tod weint rote Tränen“ und „The Skeleton Twins“ ab 29. sowie „Sin City 2: A Dame to Kill For“ ab 30. Januar. An letztgenanntem Tag empfehlen wir jedoch vor allem den Kauf von Stuart Murdochs „God Help the Girl“.

Meinungen

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Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Kinostart: 08.12.2016

Right Now, Wrong Then

Hong Sang-soo parodiert die Macht der Wahrnehmung, indem er sie egoistisch nacherzählt.

Kinostart: 01.12.2016

Die Hände meiner Mutter

Florian Eichinger blickt realitätsbewusst auf die Anatomie und Konsequenzen des Missbrauchs.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.